LEBENS-BÜCHER
Arbeitsweise
Preise
Lebens-Buch 1

WEITERE BÜCHER

GESCHENKIDEE

AUTORENSERVICE

AHNENFORSCHUNG

ANTIQUARIAT

HERCHENRÖDER-ARCHIV

WIR

KONTAKT
     





Vorwort – Ein lebenslanger Traum
 

Meine liebe Kleine,

du warst schon als kleines Mädchen neugierig und wolltest alles wissen. Deshalb hast du immer wieder Fragen gestellt. Vieles von dem, was die Großen sagten und was du dann selbst in Büchern gelesen hast, hast du nicht verstanden und machtest deine eigenen Geschichten daraus. Wenn die Erwachsenen nicht aufhörten zu reden, wurde es dir langweilig. Weil du auch etwas sagen wolltest, unterbrachst du ihren Redestrom. Deshalb hörtest du oft: Du bist aber altklug, oder einen Ton schärfer: Sei nicht so vorlaut. Gut, dass du nie aufgehört hast zu fragen, dich nie hast entmutigen lassen und du auf jeden Tag neugierig warst. Du hast mir geholfen, jung zu bleiben. Dir, dem Mädchen, das ich war, widme ich die Erinnerungen an meine Kindheit und auch die Geschichte meines späteren Lebens. Denn du warst und bist immer dabei.
Du hast deine Mutter nie belogen, hast ihr aber vieles verheimlicht, was ihr, du und die anderen Kinder, gemacht habt, wenn sie nicht dabei war. Da gab es manches, von dem du dachtest: Wenn das Mutti wüsste! Denn deine Mutter hatte ihr Herz auf der Zunge und ärgerte sich, wenn du ihr etwas nicht sagen wolltest.

Deine Edeltraud, die als dein erwachsenes Ich sagt: Ich bin Nila.


Seit ich mit sieben Jahren das Buch Als Mutter ein Kind war gelesen habe, träume ich davon, ein Buch zu schreiben. In der Schule stand unter meinen Aufsätzen für Inhalt und Ausdruck fast immer: Sehr gut. Damals ahnte ich nicht, welch aufregenden Text das Leben für mich schreiben sollte. Obwohl ich keine Stiefmutter hatte und selbst eine älteste Schwester war, stand ich häufig abseits. Das Leben schüttete mir oft genug die Linsen in die Asche und nur selten flogen Tauben herbei, die mir bei der Arbeit halfen. So las ich Linse für Linse aus der Asche oder aus dem Sand. Manchmal fand ich Goldkörnchen oder Perlen, aber oft nur Katzengold. Wenn ich die Aufgabe bewältigt hatte und mich unter das Bäumchen stellte, warf es mir gutwillig Geschenke zu.

Obwohl ich auf vielen Festen tanzte, fand ich lange den für mich bestimmten Prinzen nicht. Immer wieder war es wie in dem Kinderlied: Dreh dich um, ich kenn dich nicht, bist du’s oder bist du’s nicht? Bis mir der begegnete, der für mich bestimmt war, verging mein halbes Leben. Davon ist im zweiten Band zu lesen. In diesem Buch geht es um meine Kindheit, mein Leben als junges Mädchen und meine erste gescheiterte Ehe, um Wege, Umwege, Niederlagen und neue Horizonte.

Mit der Hand zu schreiben ist schon längst nicht mehr zeitgemäß. Als ich mich 1960 an einem Wettbewerb für Liebesgeschichten beteiligte, schied mein handschriftlicher Beitrag von vornherein aus. Doch meinen Traum, ein Buch zu schreiben, gab ich nie auf. Als ich 1971 Maschine schreiben gelernt hatte, wollte ich mit dem Schreiben meiner Erinnerungen anfangen, wenn ich die Tasten sicherer beherrschte. Doch erst als ich einen PC hatte, begann ich zu schreiben. Weil ich nicht weiterkam, schob ich mein Vorhaben hinaus. Den letzten Anstoß gab mir eine Freundin, die mich ermunterte: Schreib auf, was du erlebt hast. Unbedingt. Ob es veröffentlicht wird oder nicht. So setzte ich mich hin und begann mit dem, was ich in meiner Kindheit erlebt hatte. Nun ist ein Buch daraus geworden, das mein Leben bis Ende 1970 schildert.

Beim Schreiben war es, als säße ich am Ufer des Meeres: Die Wellen spülten eine Erinnerung nach der anderen hoch. Ich musste nur eine Hand voll Sand aufnehmen und ihn durch die Finger rieseln lassen. Dabei blieben Muscheln, Steine, Goldkörnchen, aber auch Teerklumpen zurück. Die Geschehnisse aus der Vergangenheit standen mir vor Augen, als sei es gestern gewesen. Vor einiger Zeit erwarb ich ein Buch, in dem für jeden Grad der Tierkreiszeichen ein Symbol beschrieben ist. Der Grad meines Aszendenten zeigt das Bild von zwei Schutzengeln. Wenn ich zurückblicke, sehe ich, dass mich die Engel mein Leben lang begleitet und beschützt haben. Bisweilen begegneten sie mir in Menschengestalt, manchmal spürte ich sie auch in meinem Herzen.

Mag André Heller auch singen: Nichts bleibt schön als das Erfundene, alles andre stiehlt die Zeit, ist keine meiner Erinnerungen erfunden, obwohl es manchmal so scheint. Ein Leben wie meines kann niemand erfinden als das Leben selbst.


Spurensuche

Das Leben ist wie ein Fluss, und wie Adern einen Körper durchziehen, begleitet Wasser mein Leben. Es zog mich immer zum Wasser, und dort, wo ich lebte, gab es meistens Wasser. Als im Zeichen der Fische Geborene fühlte ich mich wie ein Fisch auf dem Trockenen, wenn es nicht wenigstens einen Fließbrunnen oder Ziehbrunnen in der Nähe gab. Mein Geburtshaus in Eisenach stand in der Nähe der Hörsel. Das mittelfränkische Dorf, in das es mich später verschlug, lag an der Wasserscheide zwischen Altmühl und Rezat. An einigen Stellen war deutlich zu sehen, wie auf einer Seite das Wasser Richtung Altmühl floss, die in die Donau mündet, und auf der anderen Seite in Richtung Rezat, deren Wasser über viele Nebenflüsse endlich im Rhein und in der Nordsee ankommt. Berlin, die Stadt, in der es mehr Brücken gibt als in Venedig, hat mich seit 1969 nicht mehr losgelassen. Überall Seen und Flüsse, die Spree, die Havel und all die Kanäle. Obwohl ich wusste, dass Berlin über Wasserwege mit Ostsee und Nordsee verbunden ist, konnte ich erst nach dem Fall der Mauer einschätzen, wie viel Wasser es rings um Berlin gibt. Vorher war die DDR Niemandsland für mich gewesen. Als ich 1969 im Märkischen Viertel auf einer Plattform im Westteil der Stadt stand, von der aus die Mauer, der Todesstreifen, die zweite Mauer und die verrammelten Häuser zu sehen waren, kamen mir da oben die Worte: So hast du’s dir als Kind einst vorgestellt, du stehst an einer Mauer, stehst am End‘ der Welt.

Über zwanzig Jahre hatte ich in Berlin gewohnt, ohne einen Schritt in den Ostteil der Stadt oder das Umland zu tun. Damals, als mein westdeutscher Reisepass noch gültig war, wagte ich mich nicht nach Ostberlin, das sich anmaßend Hauptstadt der DDR nannte, obwohl es einfach war, einen Tag auf der anderen Seite der Mauer zu verbringen. Nur beim Abflug vom Flughafen Schönefeld oder dem Transit über die Autobahn verließ ich das sichere Westberlin. An den Kontrollstellen waren wir fast immer in der Reihe, die am langsamsten abgefertigt wurde. Weil ich sah, welche Prozedur die Menschen bei der Einreise in die DDR oder der Wiederausreise über sich ergehen lassen mussten, schreckte ich vor einem Besuch meiner Verwandten in Thüringen zurück. Erst nach dem Fall der Mauer traute ich mich auf die andere Seite. Die Welt war nicht mehr jenseits der Mauer zu Ende und das unbekannte Berlin und das Umland wollten entdeckt werden.

Auch in meiner Geburtsstadt war ich über vierzig Jahre nicht gewesen, als ich im Sommer 1990 auf der Rückfahrt von einem Seminar in Hessen mit Freunden in Eisenach Rast machte. Wer von der Autobahn von Norden in die Stadt fährt und den Straßenbahnschienen in der Mühlhäuser Straße folgt, ahnt nichts von Eisenachs historischer Mitte. Linker Hand liegt unterhalb des Krankenhauses der Friedhof, und hinter der Brücke über die Hörsel münden die Schienen der Straßenbahn in einen Grünstreifen mit Bäumen an beiden Seiten. Wer mit dem Auto in die Straße rechts von der Brücke gelangen will, muss hinter der Anhöhe scharf in eine Haarnadelkurve in die Straße einbiegen, deren Name Am Amrichen Rasen fast ein Zungenbrecher ist. Die Straße ist von der Hörsel durch den Bleichrasen, auf dem früher Leinen gebleicht wurde, und die angrenzenden Schrebergärten getrennt.

Für mich war es wie in einem Film. Alles kam mir fremd und doch auf seltsame Weise vertraut vor. Die Zeit war stehen geblieben, nur die Kindertagesstätte, die inmitten der Schrebergärten stand, war neu. Wir hatten auf der linken Straßenseite mit den geraden Zahlen gewohnt. Die ehemalige Reitschule, ein Backsteingebäude an der Ecke zur Mühlhäuser Straße, Hausnummer 2, ist jetzt eine Fabrik. Daneben steht das Haus Nr. 4. Das dritte Haus ist Nr. 4a. Das Vorderhaus, von dem die Farbe abblätterte, und auch das mittlere Gebäude, in dem Maurermeister Berthold Baum senior und seine Frau wohnten, standen noch. Das Hinterhaus, früher Mittelteil von drei Häusern, war unauffindbar. Ein Bretterzaun versperrte den Weg. An der wackligen Türe hing ein Schild: Zutritt verboten. Der Zutritt zur Welt meiner Kindheit war verboten. Wie mochte es hinter dem Zaun aussehen? Es war, als habe es das Haus, das 1944 um Haaresbreite der Bombardierung entgangen war, nie gegeben. Warum war es abgerissen worden? In meinem Herzen breitete sich Leere aus. Doch als ich die Augen schloss, tauchte die graugelbe Fassade des Hauses auf, in das meine Eltern nach ihrer Heirat einzogen und in dem ich als Kind über neun Jahre gelebt hatte. Es war, als drängte mich das Haus: Schreibe auf, was du noch von mir weißt, damit ich nicht ganz vergessen werde. Ich, das Haus, das es nicht mehr gibt, in dem Kinder gezeugt und geboren wurden, heranwuchsen und groß wurden, in dem sich Menschen liebten, sich treu blieben, Ehebruch begingen, alt wurden und starben oder sich umbrachten, könnte so vieles erzählen.

Ein Jahr später besuchte ich mit meinem Mann auf der Heimreise aus dem Berchtesgadener Land die Stadt. Gewohnt, dass hohe Berge den Horizont begrenzten, erschienen mir die Thüringer Berge niedrig. Weil wir mehr Zeit hatten, suchte ich weiter nach den Spuren meiner Kindheit. Vorbei am Prinzenteich, auf dem noch immer weiße Schwäne dahinglitten, an der Süßen Ecke, wo es Süßigkeiten, Kuchen und Torten gab und früher ein Bild vom Rosenwunder im Schaufenster hing, vorbei an der Wandelhalle im Kartausgarten. Die Wartburg-Chaussee hoch zur Wartburg. Touristen in langen Schlangen, buntes Treiben. Zwei Musiker saßen auf einer Mauer und spielten auf ihren Thüringer Waldzithern. Uns fehlte die Geduld zu warten, bis wir an der Reihe waren. So sahen wir alles von außen an, stiegen die vielen Stufen auf den Bergfried hoch und bestellten im Hof der Wartburggaststätte etwas zu trinken und zu essen. Niemand musste mehr warten, dass er platziert wurde. Wir liefen zum Elisabeth-Brunnen. Spazierten zu den beiden Felsen, von denen die Sage erzählt, dass ein Mönch und eine Nonne sich hier nachts heimlich trafen und in Stein verwandelt wurden. Rechts lag das Hölltal mit der Schlittenbahn zwischen den Bäumen, die ich oft hinuntergefahren bin.

Wir liefen an der Ernst-Abbé-Schule vorbei, die ich zwei Jahre besucht hatte, schlenderten die Bornstraße hinauf bis zur Abbiegung zum Ofenstein und die Straße hoch bis zu der Stelle, von der das Burschenschaftsdenkmal zu sehen ist. Von dort liefen wir in die Stadtparkstraße, die jetzt nach einem Landesbischof benannt ist, zu dem Haus am Eingang des Stadtparks, in dem unsere Familie von Oktober 1945 bis Februar 1948 wohnte. Die Gartenmauer war verwittert, der eiserne Zaun rostig und durch die Sandsteine in der Hausmauer ging ein Riss. Ich wagte nicht an der Tür zu klingeln. Der Weg zwischen Rhododendron und Buchen parallel zur Stadtparkmauer war von Gras fast ganz überwuchert. Die Obstbäume, die früher auf der Wiese standen, waren verschwunden. Hier war für mich als Kind ein kleines Paradies gewesen. Von der Anhöhe grüßte das Schloss Pflugensberg. Wir liefen hoch zum Schloss und kamen an der Douglasfichte vorbei, unter der ich bei Fantasiereisen oft Zuflucht gesucht hatte. Sie war verdorrt und ihre Tage waren gezählt. Ob dort im Frühling noch immer Veilchen blühten?

Papa hatte im Souterrain des Schlosses als Bürodiener gearbeitet. Die Mauern waren einen Meter dick, die Fensternischen fast genauso tief. Ich weiß noch, dass der Kornblumentee aus Papas Thermosflasche leicht bitter schmeckte. Fräulein Münch und Fräulein Sommer saßen mit im Raum. Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, hatte Fräulein Sommer geantwortet, als ich sie nach ihrem Geburtstag fragte, 21. März, Frühlingsanfang. Welche Aufgaben sie und ihre Kollegin erledigten, weiß ich nicht. Schreibarbeiten? Buchführung? Eingang und Ausgang der Post? Auf dem Dachboden fand ich Kontobücher, Altpapier. Alle Seiten gestempelt. UMGEBUCHT. Papa hatte den dreirädrigen Lieferwagen und später den Dienstwagen des Landesbischofs gefahren.

Weil die Innenstadt für den Durchgangsverkehr gesperrt war, fuhren wir außen herum zum Westbahnhof. Unterhalb des Bahndamms führt die Rennbahn entlang. Ein Kollege aus der TU Berlin hatte erzählt, dass hier in den achtziger Jahren der Zug, in dem er saß, entgleist war. Das Haus, in dem wir von 1948 bis zum Sommer 1949 wohnten, hatte ich größer in Erinnerung. Jetzt sah es alt und vernachlässigt aus. Rostige Fensterbänke. Verrußte Backsteine. Ob noch jemand von damals hier wohnte? Ich sah auf dem Klingelschild nach. Kein Name, den ich kannte. Sonst war hier die Zeit stehen geblieben. Unsere Wohnung hatte sich über die ganze erste Etage erstreckt. Küche, fünf Zimmer, kein Bad und das Klosett auf der Treppe. Die Miete, schon damals 75 Mark, wurde im Mietbuch, einem Oktavheft, quittiert. Vermutlich war die Miete noch genauso hoch. Ich spähte durch die Ritzen. Rechts vom Tor noch immer der Schuppen, links der Rasen, hinten der Mühlgraben. 1948 hatte mein Bruder Bernhard eine Raute mit einem Strich in der Mitte an den Zaunpfosten gemalt. Wir hatten kein anderes Wort als Popo oder Fotze für das, was wir uns hinter vorgehaltener Hand zuflüsterten. Papa hatte Bernhard wie ein Inquisitor verhört und ihm eine Ohrfeige gegeben.

Zuletzt fuhren wir zum Amrichen Rasen. Wir ließen das Auto vor Nr. 4a stehen, liefen über den Hof und standen hinten wieder vor dem Bretterzaun mit dem Schild: Zutritt verboten. Diesmal spähte ich durch die Ritzen: Kaninchenställe, Gartenbeete, Werkzeug. Dann gingen wir wieder nach vorne, am Auto vorbei und liefen die Straße entlang. Die Baufirma Enke gab es noch. Die Straße endete noch immer am Zaun der Schrebergärten. Wir blieben vor dem letzten Haus am Durchgang zur Amrastraße stehen. 1944 hatte eine Frau aus dem Fenster geschaut, mich angesprochen und gefragt, ich hatte unbefangen geantwortet. Sie erzählte Mutti, welch eine nette Tochter sie habe. Mutti war erstaunt, sie fand keines ihrer Kinder nett oder niedlich.

Auf der rechten Seite der Amrastraße grenzte eine mit Stangen eingezäunte Wiese an die Schrebergärten hinter dem Milchgeschäft, auf der linken Seite der Straße standen noch Häuser. Einmal traf ich dort eine Klassenkameradin, die mich verspottete: Geiß, wo hast du deine Milch? Als ich an einem stürmischen Frühlingstag die Amrastraße in Richtung Westen entlang lief, kam mir der Westwind mit einer solchen Wucht entgegen, dass ich mich am Stangenzaun festhalten und gegen ihn stemmen musste. Wir gingen zum Auto zurück und hielten auf dem früheren Exerzierplatz hinter der Brücke an: ein Flohmarkt, auf dem nicht viel Kaufenswertes angeboten wurde. Die Händler wirkten unfreundlich. Verbittert, dass die Vereinigung nicht das Erhoffte gebracht hatte? Hinter dem Gelände zweigt die Nebestraße mit dem BMW-Block ab, Häuser im Geviert vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut. In einem der Häuser hat Tante Käthe bis zu ihrem Tod gewohnt. Dann fuhren wir in nördlicher Richtung zur Autobahn nach Berlin weiter.


Zurück