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Kapitel 1
 
Hätte mir jemand noch vor drei Monaten gesagt, ich würde eines schönen Tages gegen 6.00 Uhr früh über eine von Tau durchnäßte Wiese wandern - ich hätte ihm wortlos einen Vogel gezeigt.

Kurz und bündig!

Dann hätte ich mich wahrscheinlich zu ihm vorgebeugt und mit leicht angewidertem Gesicht geantwortet: „Über eine Wiese wandern? Ich?! Die Vögelchen zwitschern hören, wie? Versonnen an einem Grashalm kauen, während meine teuren Edelschuhe langsam aufweichen und mir eine ekelhafte Nässe die Hosenbeine hoch kriecht? Und das morgens um sechs? Du spinnst wohl?!“

Damals wäre es mir nicht einmal der Mühe wert gewesen, diesen schwachsinnigen Propheten nach dem Grund für seine bedauerliche Entgleisung zu fragen. Ich hätte allenfalls meinen tippenden Finger zurückgezogen und vielsagend den Kopf geschüttelt.

Ja - wenn er wenigstens auf den Gedanken gekommen wäre, daß ich eines Tages beim Roulette die Bank sprengen oder daß ich die Leitung meiner Firma übernehmen würde, dann käme diesen zukunftsträchtigen Worten schon eher eine Bedeutung zu. Ich hätte mich lächelnd zurückgelehnt und ihm durch diese Geste zu meiner Bekanntschaft gratuliert. Andernfalls wäre ihm eine solche Prognose schließlich nicht möglich gewesen.

Aber ausgerechnet eine Wiese?

Um nichts in der Welt hätte mich damals jemand dazu bringen können, durch glitschiges Gras zu stapfen. Vielleicht noch in der Absicht, den morgendlichen Klängen einer erwachenden Natur zu lauschen oder den ersten erquickenden Strahl einer Leben spendenden Sonne auf meinem jugendlichen Antlitz zu spüren?

Lächerlich! Poetisches Gefasel!

Es wäre natürlich niemand auf diesen irrwitzigen Gedanken verfallen. Letztlich habe ich niemals einen Hehl aus den unverrückbaren Grundsätzen meines Lebens gemacht. Und eine Wiese hat bestimmt niemals dazu gehört.

Wozu auch?

Heute nun trat ich, so gegen 6.00 Uhr morgens des 15. September aus dem Schattenreich des Hermsdorfer Waldes heraus. Ich stand am Rande einer riesigen Wiese, die sich wie ein übergroßes ‘U’ in die Bäume hinein geschoben hatte. Von einer zarten Nebeldecke behutsam verborgen, lag eine friedvolle und sanfte Landschaft vor mir.

Ein schlafendes Land.

Wie durch den flachen Atem unzähliger Lebewesen hob und senkte sich behutsam dieses filigrane Gebilde aus Myriaden von Wassertröpfchen und ließ es nicht zu, auch nur für einen kurzen Augenblick das Leben unter ihm zu betrachten. Lediglich einige vorwitzig lange Wildkräuter ragten wie kleine Antennenmaste aus dem weißgrau dieser Decke hervor, so als wollten sie die ersten sein, die von einer morgendlichen Sonne begrüßt werden. Welch ein Wunder aus Farben und Licht würde sich ausbreiten, wenn diese Sonne erst ihren Weg durch die Wipfel der Bäume gefunden hätte. In wenigen Minuten würde aus der zarten Decke ein durchsichtiger Schleier werden, um sich nur einen Augenblick später vollends aufzulösen. Ich würde dann diese Natur selbst sehen können. Ich würde sehen, wie Millionen von Tautropfen an den Grashalmen geheftet sich in kleine, glitzernde Diamanten verwandelten. Ich würde sehen, wie diese funkelnden Reichtümer die sonst so sorgfältig verborgenen Netze unscheinbarer Spinnen zu weithin leuchtenden Kunstwerken enttarnen. Ich würde sehen, wie Libellen nach pfeilschnellem Zickzack-Flug auf den kleinen Antennenmasten landen um sich aufzuwärmen. Ich würde sehen, wie sich in tausendfacher Vielfalt kleine Blüten öffnen, bereit zu einer neuen Rundfahrt in dem Karussell ihres Lebens.

Und ich würde teilhaben an diesem Szenario. Zum ersten Mal in meinem Leben würde ich bewußt die Stimme einer Welt wahrnehmen, die nicht von uns Menschen gemacht ist, die nicht den ‘Gesetzen’ einer lärmenden und erfolgsorientierten Zivilisation angehört und deren Klang selbst mit den allerfeinsten Instrumenten eines Akustikers nicht nachzuweisen ist.

Aber ich, Thomas Wiedenhaupt, würde sie wahrnehmen können.

Ich stand am Rande dieses Nebelmeeres, das bald zu einer vor Leben sprudelnden Wiese erwachen würde und dachte an die Worte von Jason, der mir beim Eintritt an das Lagerfeuer sagte: „Hören, mein lieber Freund, meint nicht etwa laut von leise unterscheiden zu können, sondern vielmehr laut von laut - und leise von leise.“

Seitdem waren viele Stunden vergangen - und nun stand ich hier. Vorsichtig und behutsam legte ich das Buch des kleinen Mädchens auf einen Baumstumpf. Langsam breitete ich meine Arme aus. Ich streckte sie so weit ich konnte und atmete tief ein - viel tiefer, als mein natürliches Verlangen nach Sauerstoff es erfordert hätte. Dann ballte ich die gestreckten Finger meiner Hände zu zwei Fäusten, winkelte kämpferisch die Arme nach oben und schrie diese angestaute Luft mit einem langgezogenen "Aaaaaaaah!" in die noch schweigende Welt vor mir hinaus.

Es war der Morgen meiner zweiten Geburt.

Augenblicklich war es still.

Erst jetzt wurde mir bewußt, daß vor meinem inbrünstigen Schrei die Dunkelheit des Waldes hinter mir erfüllt war von vielstimmigem Zwitschern unzähliger Vögel. Sie mußten bereits aufgestanden sein, als ich im ersten Grau des Morgens das Lagerfeuer verließ und den Rückweg in eine Welt antrat, die nach dieser Nacht nicht mehr meine Welt war. Ich war so erfüllt von den Gesprächen, von den Aussagen und den Worten der letzten Stunden, daß mir weder die Mystik schemenhaft zu erkennender Baumriesen, noch das erste zaghafte ‘Tschiep’ seiner gefiederten Bewohner bewußt war. Nur Minuten später schienen sie in unermüdlicher Orchesterprobe einen Beweis der Existenz ihres Lebens in eine verschlafene Natur hinaus piepsen zu wollen.

Trotzdem! Ich hatte sie nicht wahrgenommen. Aber wer weiß schon vor seiner Geburt, wer den Bauch seiner Mutter mit staunendem Blick betrachtet.

Mein archaisches ‘Aaaah’ jedenfalls mußte eine Welle des Schreckens in die Herzen kleiner Vogelwesen gejagt haben.

„‘Tschuldigung!“ sagte ich beschwichtigend und nahm mein Buch wieder auf. Langsam, mehr behutsam schreitend als gehend, watete ich in das Nebelmeer hinein - gleichsam so, als wären es die ersten Schritte meines Lebens. Immerhin: eine beachtliche Leistung für einen Neugeborenen. Überhaupt nahm ich mir vor, ab jetzt auf alle Schritte meines Lebens ein höheres Augenmerk zu legen. Mir wurde nach dieser Nacht bewußt, daß alles, was ich tat oder noch tun würde, Folgen nach sich zog und Wirkungen auf meine Umwelt hatte. Jeder Fuß den ich vorwärts setzte, zerriß den filigranen Vorhang aus Nebel unter mir und brachte Unruhe in ein Stückchen Morgenwiese. Wie spirituelle Gebilde lösten sich winzige Wölkchen aus der Decke ab, um hinter mir wieder in die Geborgenheit der Masse einzutauchen. Jeder Schritt war begleitet von einem sanften ‘Sssscht’, mit denen ich das Gras zerteilte. Meine Schuhe mußten inzwischen völlig durchnäßt sein - meine Hosenbeine sogen begierig jeden Tautropfen in sich auf, um ihn nach oben zu transportieren. Wahrscheinlich waren sie sogar schon grünlich eingefärbt.

Es war mir völlig egal. Im Gegenteil!

Schließlich überließ ich es einfach meinen Beinen, sich ihren Weg selbst zu suchen. Wohin sie mich auch trugen, es würde immer ein Weg in die Freiheit sein.

Freiheit! Welch ein großartiges Wort.

Mitten im Gehen drehte ich mich um, lief rückwärts und betrachtete die kleiner werdende Silhouette eines tiefdunklen Waldes aus dem heraus ich geboren war. Ich sah nach oben, sah das verblassende Rot eines Morgenhimmels, durchzogen von feinstofflichen Wolkenschleiern, eingefärbt von einer Sonne, deren Kraft mich erst in Minuten auf dem Boden meiner Wiese erreichen würde.

Vielleicht sollte ich es einmal mit Rennen versuchen....

Ich rannte und rannte - ich hopste - ich sprang in die Höhe und ich "juchzte" laut in die Stille meiner Wiese hinein. Dann hielt ich an, drehte mich zweimal mit weit ausgebreiteten Armen im Kreise und rang schwer atmend nach Luft. Kleine, aber heftige Dampfwölkchen ausstoßend ging ich weiter. Diesmal allerdings langsam und nachdenklich.

Was hatte ich nicht alles erlebt in den letzten drei Monaten!

Mein Gott! Waren es wirklich erst drei Monate her, da eine unablässige Abfolge von Ereignissen begann, meinem Leben eine gänzlich neue Richtung zu verleihen? Unglaublich!

Während meine Füße mechanisch mit leisem "sssscht" weiter durch die Wiese schurrten, versuchte ich in zugegeben beschämend unzeitgemäßer Weise mit meinen Fingern die vergangenen Wochen abzuzählen. Es stimmte - und konnte dennoch nicht sein. Wir schrieben heute den 15. September und ich konnte mich genau erinnern, daß es der 10. Juni war, an dem alles angefangen hatte - als unliebsame Störung angefangen hatte.

Mir fielen plötzlich wieder die Worte von Edmund ein, der mit nachdenklich wiegendem Kopf gesagt hatte: „...Nun, es mag vielleicht sein, daß in der Physik die Zeit als eine eigenständige Dimension behandelt wird, für unser menschliches Dasein ist sie jedenfalls nur genau das, was wir selbst daraus machen.“ So gesehen, war für mich die Zeit dieses Jahres bis hin zum 10. Juni in hoppelnden Bocksprüngen verlaufen: hier und da ein in Erinnerung gebliebenes Ereignis, den überwiegenden Teil aber in belangloser Gleichförmigkeit verlebt - ohne die Spur einer Besonderheit. Und genau genommen war das Jahr davor auch nicht anders. Gemessen daran jedenfalls waren meine Empfindungen, die letzten Monate betreffend, wie ein wild in die Luft geworfenes Kartenspiel mit der anschließenden Aufgabe, die Karten zu sortieren.

Wenn ich jetzt nicht damit beginnen würde, diese Ereignisse aufzuschreiben, würden sie über kurz oder lang als unentwirrbares zeitliches Durcheinander in meinem Kopf herumwirbeln. Das durfte nicht geschehen. Sie waren viel zu wichtig.

Ich blieb stehen.

Die Nebeldecke über meiner Wiese war tatsächlich zu einem hauchdünnen Schleier geworden. Milliarden kleiner Tautropfen-Diamanten klebten nun lustig funkelnd an langen, dünnen Grashalmen. Filigrane Spinnennetze hatten sich zu kunstvollen Perlenketten verwandelt. Eine grelle Sonne erwärmte meine linke Wange und projizierte mich als langgezogenen dünnen Schatten. Der Wald war zu einer unscheinbaren dunklen Linie geschrumpft. In der Luft lag das dumpfe Dröhnen einer Stadt, deren Ausläufer wie ein unbezwingbares Gebirge vor mir lag und die es offensichtlich auch heute nicht lernen wollte, einen neuen Tag leise zu beginnen.

Jawohl! Ich würde aufschreiben, was ich erlebt und erfahren hatte. Ich würde festhalten, was richtungweisend für mich gewesen war. Es durfte einfach nicht geschehen, daß so wichtige Gedanken einer kleinen Gruppe von Menschen durch Schweigen in Vergessenheit gerieten.

Langsam ging ich in die Stadt....

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